Was man nicht so alles beim Aufräumen zwischen all dem alten Gerümpel findet. Zum Beispiel Zeitungen von Anno Dunnemals. So auch die PC-Welt von 04/96 aus der frühen Internet-Kreidezeit, als Internet-Seiten noch mit Hammer und Meißel erstellt wurden. Scheinbar hatte man als Redakteur nicht allzuviel Vertrauen in neue Technologien und als Visionäre bezeichnete man damals noch Leute, die mit Microsoft Visio gearbeitet haben. Anders kann man sich folgenden Meinungsartikel auf Seite 17 nicht erklären.

Wündertüte WWW von Hermann Apfelböck

Keiner weiß so ganz genau, was alles im World Wide Web (WWW) des Internets steckt – keine Suchmaschine und kein Geheimdienst. Nehmen wir an, zwei Millionen Internet-Server beglücken uns jeweils nur mit fünf schlappen MB – und schon errechnen sich 10 000 GB, was etwa 20 Millionen Büchern entspricht – mehr als die größten Forschungsbibiotheken anbieten. Hinzu kommen ein extrem kurzer Anfahrtsweg (Doppelklick) und die sofortige Verfügbarkeit der Fakten: Wen mag es da verwundern, wenn das Internet vielen Zeitgenossen als das Informationsmedium der Zunkunft gilt?

Aber dämpfen wir die Euphorie, indem wir diese Milchmädchenrechnung um einige GB-Faktoren abrunden: Das Netz der Netze bietet zum Großteil vitale, aber irrelevante Meinungs- und Lebensäußerungen (“Hello World, my name is Bernie …”), gleichermaßen hochaktuelle wie redundante Kompilationen anderer Quellen (“Telefonbuch von Rosenheim mit der neuen Nummer von Rosi Heim”) und jede Menge Bildmaterial mit mäßigem Informationswert (“Colossseum, Rome and H. Hooks, Hookstown”) oder auch mit typisch geringer Kameradistanz (“Ruby, alone with YOU”).

Sicher: Die Belanglosigkeiten und Redundanzen dieser Wundertüte sind überwiegend sympathisch. Aber sie kennzeichnen das Internet nicht als effizientes Recherche-, sondern als Unterhaltungsmedium. Abgesehen von Kernbereichen bietet das Netz derzeit kaum seriöse Fakten. Deshalb kann es nicht überraschen daß viele Freaks zugeben, im Netz selten zielsicher zu recherchieren, um so öfter aber zum Spaß zu vagabundieren. Fundiertes Know-how via Internet? Von Ausnahmen abgesehen – nein. Nicht heute, vielleicht 2096.

Über diesen Artikel

Author: Sören

Veröffentlicht: 4. Oktober 2004

Kategorie: Schalten und Walten

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